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Abo DIE GROSSE REIHE// Saison 2019/20

DIE GROSSEN SOLO-KONZERTE DES MEISTERS ZU SEINEM 250. GEBURTSTAG

2020 feiern wir Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag. Das nehmen die Stuttgarter Philharmoniker zum Anlass, sich in ihrer Großen Reihe intensiv mit dem Wiener Klassiker aus Bonn zu beschäftigen und unter anderem alle großen Konzerte des Meisters in einer Spielzeit aufzuführen. Eine Episode aus dem Leben Beethovens war für uns Dreh- und Angelpunkt bei der Frage, wie man mit ihm in Kontakt treten, ja wie man ihm in unseren Zeiten gewissermaßen eine Stimme verleihen könne:
Im Jahre 1804 zog die französische Pianistin und Komponistin Marie Bigot (1786–1820) mit ihrem Ehemann nach Wien. Paul Bigot arbeitete dort als Bibliothekar des russischen Botschafters Graf Rasumowsky, einer der großen Musikmäzene in Wien (insbesondere auch Beethovens). Marie Bigot stand mit vielen Musikern aus Wien auf vertrautem Fuß und trat erfolgreich öffentlich auf. Als zeitweilige Klavierschülerin Beethovens genoss sie mit ihrem Mann dessen Freundschaft. Im Marz 1807 lud der Komponist Marie und ihre kleine Schwester Caroline brieflich auf eine Kutschfahrt im Sonnenschein ein. Paul reagierte mit unverhohlener Eifersucht, worauf Beethoven schriftlich versicherte, „nie in einem andern als Freundschaftlichen Verhältnis mit der Gattin eines andern zu stehn.“

Der Meister und seine Schülerin – war es tatsachlich eine der großen Liebesgeschichten Beethovens, wie einige seiner Biographen vermuten? Und wenn ja, wie mögen ihre himmlischen Seelen wohl um das große Jubiläum herum kreisen? Die Dialoge, die unser Künstlerischer Intendant in nächtlichen Stunden den beiden abgelauscht zu haben scheint, sind zum besseren Verständnis mit einigen Anmerkungen versehen worden. Es mag manch einen zum Erstaunen bringen, dass sich Beethoven und Marie Bigot an ihrem aktuellen Aufenthaltsort ausgerechnet über die neun Programme unserer Großen Reihe austauschen.


Vorspiel im Elysium

„Was?? – 250 Jahre schon?! – Und davon beinahe 200 hier oben?!! – Wie soll man bei den Himmlischen auch merken, wie die Zeit verrinnt, wenn man ohne Unterlass die Chöre der Engel zu leiten hat? Sie hören ja nicht auf, die Freuden-Ode meiner 9. Sinfonie zu singen, obgleich diese doch, meine liebste Marie, für Eure französischen Landsleute die wahre Marseillaise der Menschheit ist, das Symbol Eurer Revolution, des Marschierens für Freiheit und Brüderlichkeit. Wäre nur das große Blutvergießen nicht gewesen...“

„Ja, Meister, fallen unsere Ideale auf Erden nicht allzu oft dem Verlangen nach Macht und Besitz zum Opfer? – Denkt nur an unsere ersten Begegnungen zurück, als Ihr die ungelenken Finger Eurer kleinen Marie Bigot darin geschult habt, auf den Klaviertasten zu tanzen. Im Handumdrehen setztet Ihr, mein Lieber, alles daran, die zarte Blüte aus Frankreich zu pflücken, auch wenn diese bereits einem anderen gehörte. Ich habe es Euch freilich bis heute nicht übelgenommen, aber mein Gatte…“

„Mein Gott, wie ist mir die Schamesröte ins Gesicht getreten, da ich mich in Briefen an den Herrn Bigot hab winden müssen, um den Verdacht abzuschütteln, ich hätte Euch verführen wollen. Dabei ward ich einzig ein Opfer der Musik: Wie Ihr damals aus meiner havarierten Handschrift die Sonata appassionata1 her untergespielt habt – ein Hochgenuss! Erst danach bin ich Euren Reizen erlegen; und dann Euer wunderbarer französischer Zungenschlag – da ist mir vollends Hören und Sehen vergangen!!“

„Der Verlust Eures Gehöres, Wertester, hatte doch wohl andere Ursachen! – Aber mir stach es gleich ins Auge, wie sehr Euch alles Französische lieb und teuer war. Habt Ihr während der Arbeit an Eurer Eroica² nicht sogar daran gedacht, von Wien nach Paris überzusiedeln?“

„Tatsächlich zog es mich damals in das Zentrum der französischen Republik. Ich hoffte, dort den Ketten des Wiener Adels zu entrinnen, dort dachte ich mir eine gewaltige Menge von Musikfreunden, deren Ohren geöffnet wären für meine neuesten Schöpfungen. Womöglich hätte es dort auch in meiner Kasse reichlich geklingelt – eine besonders schöne Musik für meine kranken Ohren!“ –

„Aber die Konkurrenz?“ – „Papperlapapp! – Die hätte ich genauso überflügelt wie in Wien! – Das Beste Eurer französischen Compositeurs habe ich ohnehin in meinen Stücken erst so recht auf die Spitze gebracht.– Was mich allerdings nicht minder antrieb, nach Paris zu gehen, waren die französischen Mädchen. Durfte ich Euch, meine Liebste, schon nicht besitzen, so wäre mir in Paris gewiss eine über den Weg gelaufen, mit der ich mein Glück hätte machen können!“ –

„Oje, mein lieber Louis, da wäret Ihr allegro unter die Räder geraten. In den sumpfigten Gegenden von Paris lauert doch das Laster hinter jeder Ecke! – Nicht alle Pariserinnen sind so durch die Kunst geadelt wie Eure Marie! – Nachdem ich, einige Jahre nach unserer kleinen Romanze, wieder in meine Heimat zurückgekehrt war, mühte ich mich beim Unterricht, den ich am Klaviere gab, den jungen Schülerinnen und Schülern Euren Geist einzuflößen. Nehmt nur diesen siebenjährigen Wunderknaben aus Berlin, den Felix Mendelssohn; wie hat dieser nicht gierig Eure Musik aus meinen Händen eingesaugt!“ ³

„Jaaah! – In Paris wart Ihr eine der ersten Priesterinnen im Vesta-Tempel meiner Kunst. Aber so recht nach meinem Wunsch ging es in Frankreich erst, als ich hier oben eingetroffen bin. Dann haben sie in Paris in fast jedem Concerte eine oder gar zwei meiner Sinfonien gespielt. Wie wurde ich da nicht vergöttert! – Das ‚Durch Leiden zur Freude‘, die Idee einiger meiner Stücke, wurde ihre Religion – und mich haben sie gar einen neuen Christus genannt, der sie von all ihrer Mühsal befreien würde. Indessen hatte ich dadurch nichts als Scherereien hier oben!! – Die hohen Herrschaften nahmen es leider nicht mit rheinischem Humor, dass sie durch mich eines Teils ihrer Verehrung verlustig gingen! – Jedes Mal, wenn sie in Paris wieder so ein Glaubensbekenntnis auf mich abgelegt haben, musste ich dafür bei der Allmacht Abbitte leisten. Sie haben mir dann sogar meinen geliebten Platz an der himmlischen Rheinwein-Tafel für einige Tage gestrichen.“

„Dieser göttliche Nektar, mein lieber Louis, dürfte zu Eurem Jubelfeste doch wohl wieder in Strömen fließen, auch wenn Sie Euch drunten ein paar neue Altäre errichten! – Aber was wäre denn Euer Wunsch zu diesem Anlass?“ –

„Unseren kleinen französischen Roman mit Euch, Marie, in alten und neuen Harmonien fortzuspinnen, das wäre mir das Allerliebste!“


1 Beethoven sollte seine Klaviersonate Nr. 23 in f-Moll op. 57, die „Appassionata“, 1806, kurz vor der Schlacht bei Jena französischen Offizieren vorspielen, weigerte sich und floh bei Regenwetter, das die Handschrift durchnässte. Zurück in Wien schenkte erdas Manuskript seiner Schülerin – Marie Bigot.
2 Etwa 1802 bis 1803
3 Tatsächlich erhielten Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) und seine Schwester Fanny (1805–1847) 1816/1817, während eines Aufenthaltes in Paris, Klavierunterricht von Marie Bigot.

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https://www.stuttgarter-philharmoniker.de/2350 | Ausdruck vom: 27.01.2020 18:12

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