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Die Große Reihe// Rückschau Saison 2017/18

JUNGE WILDE

besitzen einen gewaltigen Überschuss an innerer Kraft. Bei bestimmten Talenten entlädt diese sich in schöpferische Energie. Die Älteren überkommt dann zuweilen das Gefühl, man müsse die jungen Himmelssturmer vor sich selber schützen. Diese aber finden, auch wenn man sie in die Schranken weist, ihre Schlupflocher.

So etwa der junge Johann Sebastian Bach. Als dieser im Alter von 12 Jahren bei seinem älteren Bruder Johann Christoph, einem Organisten, in Ohrdruf wohnt, schreibt er sich aus dessen Sammlung berühmter Orgelstücke alles ab, was ihm in die Finger kommt. Da der bereits 26jahrige Christoph bemerkt, dass sein jüngerer Bruder auch noch nachts beim Mondschein über den Notenpapieren sitzt und sich die Augen zu verderben droht, schließt er das Notenbuch in einen Schrank mit einer Gittertür ein. Allem Anschein nach gelingt es dem Jungen aber, mit seinen kleinen Händen das Buch durch das Metallgitter heraus zu holen und seine nächtlichen Studien fortzusetzen.

Andere JUNGE WILDE unter den klassischen Komponisten geraten durch das riskante Zusammenwirken von Genialität und Leichtsinn mit der Staatsmacht in Konflikt. So geschieht es dem jungen Johannes Brahms. Kurz vor seinem 20. Geburtstag verlässt er seine Heimatstadt Hamburg, um mit dem ungarischen Geiger Ede Remenyi auf eine Konzertreise zu gehen. Unglücklicherweise prahlt dieser gern mit seiner revolutionären Gesinnung und seiner Beteiligung an der Ungarischen Revolution 1848. Nach einem Konzert der beiden vor dem hannoverschen König Georg V. kommt die Polizei ihm auf die Schliche. Man verweist die beiden jungen Künstler des Landes.

Das Neue, das Andersartige in der Musik der JUNGEN WILDEN genügt in einigen Fällen allein, um ihre Schöpfer in Bedrängnis zu bringen. Die Uraufführung seines „Sacre du Printemps“ beschert Igor Strawinsky einen Aufsehen erregenden Skandal. Von „Kakophonie“, dem „Werk eines Wahnsinnigen“, einem „von einem Idioten gemachtes Ding“ ist die Rede. Während und nach der Aufführung gibt es Beschimpfungen und Schlägereien. Insgesamt werden 27 Verletzte gezählt.

Der Urtyp des JUNGEN WILDEN der Neuzeit ist Napoleon Bonaparte. Selbst Ludwig van Beethoven bewundert diesen anfänglich, bis er merkt, wohin die ungezähmte Willenskraft den Korsen führt. Mag Beethoven seine 3. Sinfonie, die „Eroica“, zunächst noch als klingendes Abbild des Franzosen verstanden wissen, verwirft er diesen Gedanken, als Napoleon sich zum Kaiser krönt. Den ursprünglichen Namen der Sinfonie, „Intitolata Bonaparte“, kratzt er mit scharfem Gegenstand aus dem Papier heraus. Napoleons Mutter ahnte das Unausweichliche: „Wenn das nur gut geht auf die Dauer“, soll sie angesichts der Siegeszüge ihres Sohnes geäußert
haben.

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