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  • Gabriel Feltz
Veranstaltungsdaten
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Öffentliche Probe (1)

Sergej Rachmaninoff
Sinfonie Nr. 1

Ein Werk mit spätem Erfolg
„Wenn es in der Hölle ein Konservatorium gäbe, und wenn einer seiner begabten Studenten den Auftrag erhielte, eine Programmsinfonie über die ‚Sieben Plagen Ägyptens’ zu schreiben, und wenn er dann eine Sinfonie wie die von Herrn Rachmaninoff schriebe, würde er seine Aufgabe brillant erfüllen und den Bewohnern der Hölle sicher Freude bereiten.” Diese vernichtende Kritik des Komponisten und Kritikers César Cui zeigt (wie die vieler anderer Rezensenten), dass die Komponistenlaufbahn Sergej Rachmaninoffs bereits zu enden drohte, bevor sie eigentlich begonnen hatte – am 15. März 1897 (27. März nach dem westeuropäischen, gregorianischen Kalender), jenem Tag, als in St. Petersburg die Uraufführung seiner 1. Sinfonie in d-moll stattfand. Der Abend muss tatsächlich verheerend gewesen sein, da das Orchester zum einen so schlecht spielte, dass man Teile des Werkes nicht mehr wiedererkennen konnte, und zum anderen der Dirigent (es war Alexander Glasunow – ein genialer Musiker und Alkoholiker) betrunken war.

Der 24-jährige Rachmaninow war überzeugt, dass seine Musik selbst für den Misserfolg verantwortlich war und zog die Partitur zurück: „Ich werde die Sinfonie niemandem zeigen”, schrieb er, „und in meinem Testament werde ich sicherstellen, dass niemand nach ihr sucht.” Mehr als zwei Jahre war er unfähig zu komponieren, so dass er ausschließlich als Pianist und Dirigent tätig war. Erst nach einer Hypnosetherapie des Neurologen Nikolai Dahl begann Rachmaninoff nach der Jahrhundertwende wieder zu komponieren.

Obwohl das Autograph der 1. Sinfonie nicht vernichtet wurde, ist es bis heute verschollen (Rachmaninoff hatte sie bei seiner Emigration 1917 in seinem Landhaus zurückgelassen, wo sie vermutlich während der Revolutionswirren verloren ging). Über vierzig Jahre lang war die Komposition nicht zugänglich, bis man zufällig gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in der Bibliothek des St. Petersburger Konservatoriums die Orchesterstimmen fand, nach denen man die Partitur rekonstruieren konnte. So kam es, dass das Werk am 17. Oktober 1945 – ein halbes Jahrhundert nach seiner Uraufführung und zwei Jahre nach Rachmaninoffs Tod – unter der Leitung von Alexander Gauk mit großem Erfolg in Moskau aufgeführt werden konnte.

Rachmaninoff widmete seine 1. Sinfonie Anna Lodyschenskaja, die er offensichtlich verehrte und deren Mann er 1894 sein „Capriccio bohémien” op. 12 zugeeignet hatte. Einiges deutet darauf hin, dass der Komponist in seinem sinfonischen Erstling dem persönlichen Konflikt – der Leidenschaft zu einer verheirateten Frau – musikalischen Ausdruck verliehen hat (so finden sich vor allem in den tänzerischen Triangel- und Tambourin-Episoden des zweiten Satzes eine Reihe von orientalisch-zingaresken Anklängen – Anna Lodyschenskaja stammte von Roma ab). Der Beginn der Sinfonie – das Zitat des düsteren „Dies irae”-Motivs aus der mittelalterlichen Totenmesse – entspricht dem Motto, welches der Komponist der Partitur vorangestellt hat: „Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr” (Römer 12, 19). (Dieses Motto hatte schon Tolstoi seinem Roman „Anna Karenina” vorangestellt, der Geschichte eines Ehebruchs, die im Selbstmord endet). Das Seitenthema des ersten Satzes ist demgegenüber mit exotischem Einschlag von chromatischen Linien durchzogen, bevor sich nach der Durchführung ein für Rachmaninoff typischer Marsch anschließt, federnd und energetisch. Den Übergang zur Reprise markiert eine das Klanggewebe in großen Notenwerten durchmessende Ganztonleiter, die seit Glinkas Oper „Ruslan und Ludmilla” zum festen Repertoire der russischen Komponisten gehört.

Das Scherzo, in dessen Eckteilen die exotisch anmutende chromatische Musik des Kopfsatzes weiterentwickelt wird, nimmt den „Dies irae”-Gedanken ebenso wieder auf wie das sich anschließende Larghetto. (Aufgrund des Kompositionsprinzips der monothematischen Verarbeitungstechnik unter Bewahrung der klassischen Viersätzigkeit zeichnet sich das Werk allgemein durch große musikalische Einheitlichkeit aus.) Das Finale schließlich beginnt mit dreistimmigen Trompetenfanfaren, die das „Dies irae”-Motiv nach Dur abwandeln, bevor sich der musikalische Charakter wieder verdüstert und die Sinfonie nach einer groß angelegten musikalischen Steigerung endet.

 

Hier und hier geht's zu den Konzerten, auf die sich die Philharmoniker mit dieser Probe vorbereiten.

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Orchesterarbeit zu Ravel – La Valse

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http://www.stuttgarter-philharmoniker.de/253 | Ausdruck vom: 29.06.2017 17:59

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